Adieu, Baselworld? Die neue Bedeutung von Messen

Adieu, Baselworld? Die neue Bedeutung von Messen

Nur ein Beispiel: Die Schweizer Uhrenmesse „Baselworld“ gehört(e) zu den grossen Messeveranstaltungen. Nun haben sowohl Breitling als auch die Swatch Group dem internationalen Grossanlass am Rhein den Rücken gekehrt. Die Begründung: „Wir brauchen keinen Verkaufsstand mehr„, so die SonntagsZeitung am 13.04.19. Eine Überlegung, welche aus meiner Sicht zu kurz greift.

Kaufen und verkaufen? Ein verstaubtes Messekonzept

Wir schreiben das Jahr 1408. König Ruprecht verleiht Zurzach das Recht, zwei Jahrmärkte künftig von einem auf drei Tage zu verlängern. Warum? Zurzach ist ein Trading-Hotspot erster Güte und das mittelalterliche Shopping-Paradies schlechthin. Hier findet man Dinge, welche es sonst nirgends gibt. Kaufen und Verkaufen, Sein oder Nichtsein – die Messe war DIE kommerzielle Plattform für ein riesiges Einzugsgebiet. Heute reist kaum jemand noch auf eine Messe, um dort (und nur dort) die Pfanne oder Uhr zu erstehen, welche es sonst nirgends erhältlich ist. B2B und B2C shoppen wir heute online, rund um die Uhr und um den Globus. Um zu kaufen oder zu verkaufen, muss man heute wirklich keine Messe mehr besuchen.

Exkurs: Wir machen es selbst

Grundsätzlich ist die Überlegung ja nicht so schlecht. Einen eigenen Anlass zu organisieren, Hunderte von Leuten einzuladen, ganz exklusiv und ohne lästige Konkurrenz sich im besten Licht zu glänzen. Wow! Wenn sich Breitling und die Swatch Group dazu entschliessen, kann das durchaus hübsch werden. Das Budget sollte vorhanden sein. Wenn sich aber die Aussteller in Kategorie 2 und 3 auf diesen Weg begeben, dann viel Spass. Ein improvisierter Event mit viel zu wenig interessanten Leuten ist der Albtraum jedes Unternehmens und garantiert kontraproduktiv.

Dringend gesucht: Treffpunkt fürs Business

Es geht immer ums Geschäft. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Die Frage ist nur, wo und wie machen wir diese Geschäfte? Kaufen und verkaufen ist nur die operative Spitze des Eisbergs. Wirklich entscheidend und interessant sind die Verhandlungen, der Vertrauensaufbau, der Erfahrungsaustausch, die Sympathien (oder eben auch nicht). Das geht weder übers Telefon noch über irgendwelche Social Networks. Das Gegenüber sehen und wahrnehmen, macht den Erfolg aus. Es braucht diese Treffpunkte fürs Business. Notabene, das WEF in Davos ist ein Paradebeispiel für einen solchen „VIP-Treff“. Hier trifft man sich fürs „Gspüri“, wie wir Helvetier sagen. Der Rest ergibt sich meist von selbst. Ein solches Beispiel ist auch die seit über 20 Jahren (!) stattfindende Schweizer ICT-Fachmesse topsoft. Hier werden keine Raketen gezündet, aber zündende Kontakte geknüpft.

Heute geht es um Kontakte und Vertrauen

Fake-News, Fake-Profile, Fake-Medien… Wem traue ich? Mit wem will ich Geschäfte machen? Wie sehen die Produkte aus? Und noch viel wichtiger: Wie sehen die Menschen hinter den Produkten aus? Plattformen für Kontakte und Vertrauen könnten diese Funktion übernehmen. Bezeichnungen sind gesucht – zwischenzeitlich nennen wir sie einfach MESSEN. Andere Vorschläge sind herzlich willkommen. Ein Handschlag, ein Gespräch, sich gegenseitig in die Augen sehen, dazu noch die letzten News aufschnappen und die Konkurrenzprodukte in Augenschein nehmen – aber Hallo? Wenn es die Messen nicht gäbe, müsste man sie sofort erfinden.

 

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